Anmerkungen zu U. Erdmanns Arbeit:
Das Gutachten finden Sie auf der Homepage der Gemeinde Trappenkamp unter:
http://trappenkamp.de/gutachten_dr_gerlich.html (PDF-Symbol anklicken)

von PD. Dr. Gerhard Gerlich, Braunschweig

Vorbemerkung

Nachdem die Gemeinde Trappenkamp und das Sudetendeutsche Kulturwerk (SKW) das von Herrn Dr. Ulrich Erdmann im Auftrag des SKW angefertigte Gutachten über meinen Großvater Dr. Gerhard Gerlich im Internet frei zugänglich gemacht haben, kann ich als Wissenschaftler und Enkel dieses Gutachten nicht unwidersprochen stehen lassen. Erdmanns Arbeit ist, abgesehen von sachlichen Fehlern, wegen ihrer schwerwiegenden methodischen und handwerklichen Mängel als „wissenschaftliches und neutrales Gutachten“(Erdmann, S. 3f.) ungeeignet. Dieses Urteil werde ich in Abschnitt I meiner Betrachtung an entsprechenden Stellen der Erdmann’schen Arbeit nachweisen. Abschnitt II befasst sich mit einer bewertenden Zusammenfassung. Abschnitt III, unterteilt in a) und b), liefert zunächst eine Chronologie der Fakten (soweit sie mir jetzt bekannt sind), um dann eine andere, mögliche Lesart dieser Fakten darzustellen. Meine Tante, Frau Gerhild Gerlich M.A., eine ausgebildete und mit dem „Werkzeug des Historikers“ vertraute Zeitgeschichtlerin, konnte ihre Nachforschungen zur Biografie ihres Vaters bis 1947 noch nicht abschließen. Ich wollte und will diesen Ergebnissen nicht vorgreifen und werde mich deswegen in den Abschnitten III und IV auf Skizzierungen beschränken, die den Blick auf eine differenziertere und weniger spekulative Sichtweise öffnen, was die Erdmann’sche Arbeit nicht leistet. Selbst in dieser unzureichenden Form kann man leicht zeigen, dass Erdmanns Schlussfolgerungen und Wertungen in keiner Weise zwingend sind.

I. Anmerkungen zu einzelnen Textstellen

Im Folgenden werde ich den Nachweis führen, dass die von Herrn Dr. Erdmann vorgelegte Arbeit weder einem wissenschaftlichen noch einem geschichtspolitischen Anspruch genügt und daher nicht als „wissenschattIiches und neutrales Gutachten“ (E., S. 3f.) taugt und noch weniger für eine neutrale Bewertung von „Motivlage“ (E., S. 5) und Verhalten meines Großvaters Dr. Gerhard Gerlich verwendet werden kann. Die Auswahl der Textstellen ist beispielhaft, zeigt aber die methodischen Mängel der Arbeit in hinreichendem Maß. Ich beschränke mich im Folgenden auf 20 Stellen. Ich gehe davon aus, dass meine Leser/innen Erdmanns Gutachten gelesen haben, zitiere aber, bevor ich die Mängel nachweise, für die bessere Verständlichkeit in der Regel erst seinen Wortlaut. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die im Internet veröffentlichte Version, die ich am 23. 11. 2015 heruntergeladen habe.

Beispiel 1
Seite 8: „Ein elitäres Bewusstsein G. Gerlichs wurde in den frühen dreißiger Jahren auch durch die Mitgliedschaft in der jesuitisch geprägten Marianischen Kongregation für Akademiker beeinflusst.“

Das „elitäre Bewusstsein“ Dr. Gerlichs ist eine Spekulation Erdmanns, da er nirgends im Text einen Beleg für diese Behauptung liefert. Ziel der Marianischen Kongregationen, katholischen Laienvereinigungen, die seit 1967 „Gemeinschaften des christlichen Lebens“ heißen, ist außerdem ein Lebensstil ihrer Mitglieder, der sich durch Übereinstimmung ihrer Lebenshaltung und ihrer Berufsarbeit mit ihrem Glauben auszeichnet, also Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Bescheidenheit usw. Dies scheint mir eher das Gegenteil von „elitär“ zu sein. Wie Erdmann dazu kommt, die Mitgliedschaft in einer solchen Vereinigung mit einem „elitären Bewußtsein“ in Verbindung zu bringen, ist nicht nachvollziehbar.

Beispiel 2
Seite 10: „Auch auf SdP Kundgebungen im tschechischen Grenzland, in dem das Parteimitglied G. Gerlich in Kaaden u. a. Deutsch und Leibeserziehung unterrichtete, wurde ab März die Parole ,Ein Volk, ein Reich, ein Führer!‘ skandiert und mit weiteren Provokationen (…)“

Die sprachliche Darstellung suggeriert sowohl ein Mitskandieren Dr. Gerlichs, als auch eine Teilnahme, ohne die Nennung einer einzigen Quelle. Die Nennung der Begriffe „Parteimitglied“, „Deutsch und Leibesübungen“ ergibt auch keinen Beleg, konstruiert aber Nähe. Für ein Engagement des Historikers und Geografen in der SdP, das über eine Mitgliedschaft hinausging, bietet Erdmann keinen Beleg an.

Beispiel 3
Seite 11: „Als Mitglied der Sudetendeutschen Partei hätte Gerlich am 12. September 1938 im Grenzgebiet wohl deren Organisation der Radioübertragungen von Hitlers aufputschender Abschlussrede auf dem Nürnberger Reichsparteitag über Lautsprecher in sudetendeutschen Orten unterstützt, woraufhin es selbst in der Kleinstadt Kaaden zu Aufmärschen und SdP-Massenkundgebung mit 3000 Teilnehmern kam. Von diesem Arbeitsort war G. Gerlich allerdings schon zu Monatsbeginn (…) nach Prag zurückgekehrt (…)“

Erdmann folgert allein aus der Parteimitgliedschaft, dass Dr. Gerlich „wohl“ die Organisation der Lautsprecherübertragung unterstützt hätte – (Zur Erinnerung: Die Übertragungen wurden jeden Abend im ganzen Dt. Reich gesendet. Das Sudetenland war noch Teil der Tschechoslowakei.) -, und suggeriert damit eine Verantwortung Dr. Gerlichs für die darauffolgenden Parteiaktionen speziell in Kaaden. Eine solche Darstellungsweise ist methodisch völlig unhaltbar und mit dem Standpunkt eines „neutralen Gutachters“ unvereinbar. Darüber hinaus bleibt wieder festzuhalten, dass Erdmann weder Hinweise noch Belege vorlegen kann, die bezeugen, dass Dr. Gerlich in irgendeiner Weise an Aufmärschen und Massenkundgebungen der SdP beteiligt war. Dr. Gerlichs spätere politische Tätigkeit in Schleswig-Holstein liefert auch keinen einzigen Beleg dafür, dass er jemals politische Ziele mit derartigen Mitteln erreichen wollte.

Beispiel 4
Seite 11/12: „ln den folgenden fünf Tagen organisierte die SdP dort mit ihren SF-Freikorps einen Putschversuch und Terrorakte, die nach eigener Zählung 110 Morde zur Folge hatten. Zuvor hatte Gerlichs Partei ihre Zentrale in Prag aufgelöst und (…)“

Der Ausdruck „Gerlichs Partei“ suggeriert eine persönliche Verantwortlichkeit oder sogar Führerschaft Dr. Gerlichs, ebenso suggeriert der Tenor eine Mitgliedschaft in einem Freikorps. Da Erdmann für diese Dinge keine Belege liefert, ist der Begriff „Gerlichs Partei“ irreführend.

Beispiel 5
Seite 17: „lm Unterschied zu den Verbänden der Waffen-SS und den von ihren Mitgliedern begangenen Verbrechen in Konzentrationslagern oder im zweiten Weltkrieg ist die Geschichte der Allgemeinen SS, der G. Gerlich im November 1938 beitrat, in der Forschung noch wenig bekannt. 25 / Fußnote 25: s. Hein, S. 1 u. 2.“

Bei der zitieıten Arbeit von Bastian Hein handelt es sich um eine Habilitationsschrift an der Universität Regensburg aus dem Jahr 2012 unter Förderung des Instituts für Zeitgeschichte, in der der Autor im Vorwort darlegt, dass VOR seiner Arbeit die Allgemeine SS wenig untersucht worden ist. Wörtlich: „Die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Schutzstaffel wurde dagegen stiefmütterlich behandelt.“ Und Hein fügt an, warum: weil Waffen-SS und Holocaust „Köpfe und Seelen im Griff hatten“. Und auf S. 4 dieses Vorworts stellt er fest, „dass immer noch offen ist, wie die Schutzstaffel in der Gesellschaft des Dritten Reiches zu verorten ist.“ Natürlich ist es gerade sein Ziel, dies mit seiner Arbeit zu ändern! Wenn Erdmann also ein Zitat von Hein, das den Forschungsstand VOR dessen Arbeit charakterisieren soll, als Stand der Wissenschaft NACH dessen Arbeit ausgibt, dann zeigt er hier einen Umgang mit wissenschaftlicher Literatur, der wissenschaftlichen Standards nicht genügt.

Beispiel 6
Seite 17: „(…) So definierte Hans Buchheim den Bedeutungsverlust des SS-Hauptamtes mit dem Zeitpunkt, ,als nach dem Aufbau der bewaffneten SS-Verbände aus der Soldatenspielerei der Allgemeinen SS Ernst wurde.‘ In der letztgenannten Organisation leisteten normale Berufstätige in ihrer Freizeit Dienste z. B. als Erntehelfer oder Sammler für das Winterhilfswerk, trugen zugleich durch ihr öffentliches Auftreten in Uniform in Wahlkämpfen oder bei NS-Großveranstaltungen zu der Inszenierung von Massenloyalität bei. Allerdings fiel der Tag von G. Gerlichs öffentlicher SS-Vereidigung in Aussig mit der sogenannten Reichskristallnacht als einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte zusammen.“

Der letzte Satz „Allerdings…“ hat keinen inhaltlichen Bezug zu den vorangehenden Ausführungen, die eine differenzierende Sicht insbesondere der Allgemeinen SS enthalten, denn er behandelt den Zeitpunkt der Vereidigung von Dr. Gerlich, der ja wohl für die historische Bewertung der Allgemeinen SS keine Rolle spielt. Trotzdem schließt Erdmann ihn mit „allerdings“ an das Vorangehende an, was den Anschein erweckt, der Satz enthalte eine Relativierung der Bedeutungslosigkeit der Allgemeinen SS. Außerdem wird in diesem Satz festgestellt, dass Dr. Gerlichs Vereidigung mit der „Reichskristallnacht“ zusammenfiel. Nun steht historisch fest, dass ein Dr. Gerlich sich seinen Tag der Vereidigung nicht aussuchen konnte, dass der 9. November einer der Kulttage der Nazis war („Gedenken“ an den 9. November 1923) und dass an solchen Kulttagen Vereidigungen stattfanden. Dass Dr. Gerlichs Vereidigung mit der „Reichskristallnacht“ zusammenfiel, hat also damit zu tun, dass die Befehlskette für diese Terrorakte von Goebbels beim abendlichen Festakt für den 9. November 1923 im Alten Rathaus von München (nach dem Attentat auf den Botschaftssekretär E. vom Rath durch Herschel Grynszpan in Paris) in Gang gesetzt worden ist. Ein zeitliches Zusammentreffen, für das Dr. Gerlich in keiner Weise verantwortlich war.

Im Hinblick auf eine „SS-Mitgliedschaft“ ist grundsätzlich zu unterscheiden, ob jemand als KZ-Wächter Mitglied der Totenkopf-Verbände war, sich als Mitglied der Waffen-SS an Kriegsverbrechen beteiligt hat, in Gestapo oder SD an (Justiz-)Verbrechen in den besetzten Gebieten oder im Deutschen Reich beteiligt war oder Mitglied der Allgemeinen SS gewesen ist. Es sei hier ergänzend auf die Charakterisierung der Allgemeinen SS durch E. Kogon in seinem Standardwerk „Der SS-Staat“ hingewiesen (ab S. 366 in der 28. Auflage, Heyne 1994 bzw. Kindler 1974), in dem diese als eine Art harmloser Herrenclub dargestellt wird: „(…) Die SS-Führung machte den neuen Mitgliedern die Sache leicht: die Aktiven mußten fast keinen Dienst tun, sie konnten sich einfach als Herren betrachten, die vornehmen Sport betrieben (Reiter-SS!), die ,Fördernden Mitglieder‘ brauchten für das Recht, die schwarze SS-Nadel mit der Sigrune zu tragen, überhaupt nur einen Monatsbeitrag zu bezahlen. Von harter theoretischer Ausbildung zum ,Orden‘ keine Spur. Diese Taktik kam vorhandenen Tendenzen geschickt entgegen: die ,Fördernden Mitglieder` sahen in dem Geldbetrag die billige Möglichkeit, sich von allen anderen nationalsozialistischen Organisationen und Zwangsformen zu drücken, gleichwohl aber, und zwar vornehm, ,dabeizusein‘; die Aktiven, die vor der SA als Masse Abscheu empfanden, konnten sich durch die fabelhafte schwarze Uniform, die man nicht bekam, sondern sich selbst anschaffen mußte, und die teuer genug war, um nicht jedem – als tadellos sitzende Maßarbeit! – zugänglich zu sein, vorteilhaft vom gewöhnlichen Volke abheben, den überlieferten deutschen Militärgeist zur Schau tragen und mit dem vorausgenommenen Ansehen einer Garde auftreten. (…) Der 30. Juni 1934 und die nachfolgende Entwicklung des Terrors haben manchen das Band mit der SS auch äußerlich wieder zertrennen lassen. Die meisten blieben allerdings formell weiter dabei; die Zugehörigkeit war aber im wesentlichen nicht mehr als die Teilnahme an einer Art losen Vereins zu wechselseitiger Förderung gemeinschaftlicher und beruflicher Ambitionen (…)“ Erdmann hat diese Ausführungen nicht berücksichtigt, Kogon wird von ihm nicht zitiert. Die Bewertung der Allgemeinen SS beeinflusst notwendig die Antwort auf die Frage, wie weit die Verstrickung und „Unterwerfung“ (Erdmann) Dr. Gerlichs unter die NS-Ideologie ging. Wenn die Allgemeine SS ein strenger Orden war, dann ist von einer starken Indoktrination der Mitglieder und einem hohen Maß an „Unterwerfung unter die NS-Ideologie“ (Erdmann) auszugehen. Dies ist bereits in diesem Kapitel und bis zum Schluss der Tenor der Erdmann‘schen Ausführungen. Wenn dies aber nicht der Fall war, dann wird Erdmanns Bewertung fragwürdig. Festzuhalten ist, dass der hier dargelegte (entlastende) Aspekt (nämlich die differenzierte Bewertung der Allgemeinen SS) in den bewertenden Abschnitten der Erdmann‘schen Arbeit nirgends eine Rolle spielt und er da (E., S. 17), wo er von Erdmann erwähnt wird, durch einen inhaltlich völlig bezugslosen Satz („Allerdings […]“) zusätzlich relativiert wird.

Beispiel 7
Seite 19: „Rückkehr nach Prag als SS-Mann“

Diese Überschrift suggeriert, dass Dr. Gerlich in seiner Eigenschaft als SS-Mann nach Prag zurückkehrte. Tatsächlich ist er (wie man dem Abschnitt schließlich entnehmen kann) auf Anweisung seines tschechischen Dienstherrn (E., S. 20) nach Prag zurückgekehrt, um dort als Gymnasiallehrer zu arbeiten. Die SS hatte damit also nichts zu tun. Wenn für einen Abschnitt trotzdem eine solche suggestive Überschrift gewählt wird, zeigt das mindestens eine grobe Ungenauigkeit.

Beispiel 8
Seite 26: „In einer weiteren Direktive von 1936 forderte Himmler, dass ein SS-Mann möglichst im Alter von 25 bis 30 Jahren heiraten und eine Familie gründen solle.“ Wie umgehend und strikt der über 28jährige G. Gerlich zu Beginn des Jahres 1940 die von der SS-Führung formulierten Erwartungen erfüllte, zeigte sich an der zeitlichen Abfolge seines Werbens und Vorgehens, die sich aus seiner erhalten gebliebenen SS-Akte ergibt. 57

Erdmann behauptet, dass mein Großvater meine Großmutter 1940 heiratete, weil er „Erwartungen“ der SS-Führung „erfüllte“ – davon abgesehen, dass 1940 von „umgehend“ auch nicht die Rede sein kann, wenn er bereits seit 1938 Mitglied der SS ist. Als einziger Beleg dafür dient Erdmann die Tatsache, dass Dr. Gerlich fristgerecht ein Verlobungs- und Heiratsgesuch eingereicht hat, wozu er als Mitglied der Allgemeinen SS verpflichtet war. Dass das fristgerechte Erfüllen von Formalitäten vor der Heirat kein Beleg für irgendeine Motivation ist, braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden. Dr. Gerlich selbst hat in dem Antragsvordruck für das Gesuch unter „Gründe“ für die „bevorzugte Bearbeitung“ seines Antrags angegeben: „Wegen wahrscheinlicher Einziehung zum Wehrdienst wurde das Aufgebot am Standesamt eingereicht. Ich bitte daher um baldige Übersendung der vorläufigen Heiratsgenehmigung. [beide Unterstreichungen handschriftlich im Original] (Zit. nach Kopie aus dem Bundesarchiv). Eine „Erfüllung von Erwartungen der SS-Führung“ lässt sich auch daraus nicht ablesen. Erdmanns Schlüsse sind hier also in höchstem Maße fragwürdig und durch nichts belegt.

Beispiel 9
Seite 35: „Offiziell waren kirchliche Trauungen bei der SS verpönt und als Ersatz ließ Himmler die Zeremonie sogenannter ,Eheweihen‘ entwickeln, aber letztlich blieben zwei Drittel der Mitglieder in der Allgemeinen SS kirchlich gebunden. Daher stellte es noch keinen Akt der Kritik oder Distanzierung dar, wenn G. Gerlich bei seinem SS-Antragsformular zur Heirat in der entsprechenden Rubrik angab, eine Trauung nach römisch-katholischer Konfession zu beabsichtigen. [BL 12]“.

Erdmann schließt hier aus der Tatsache, dass sich 2/3 der Mitglieder der Allgemeinen SS faktisch dem Willen Himmlers in der Frage der kirchlichen Trauung NICHT unterworfen haben, dass dies kein Akt der Kritik oder Distanzierung gewesen sei. Nun steht aber eine kirchliche Trauung fraglos in grundsätzlichem Gegensatz zur Himmler`schen Blut- und Boden-ldeologie. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Mehrheit der Mitglieder der Allgemeinen SS Himmler dort nicht folgten. Eine kirchliche Trauung war daher immer faktisch ein Akt des Ungehorsams. Logischerweise bedeutet das also auch einen Akt der Distanzierung zumindest von gewissen Aspekten der NS-Ideologie. Der Schluss, den Erdmann hier zieht, ist also logisch nicht haltbar. Wenn Erdmann die in der prominent stehenden St.-Franziskus-Kirche am Altstädter Brückenturm der Karlsbrücke provokant in aller Öffentlichkeit zelebrierte Trauung Dr. Gerlichs im Jahr 1940, insbesondere angesichts seiner gesellschaftlich exponierten Stellung als provisor. Schulleiter eines renommierten Gymnasiums in Prag, nicht einmal als Akt der Distanzierung gelten lassen will, lässt dies Zweifel an seiner Kenntnis der politischen Gegebenheiten aufkommen.

Beispiel 10
Seite 35: „Durch sein systemkonformes Verhalten seit 1938 im neu angeschlossenen Gau Sudetenland und ab 1939 im Protektorat Böhmen und Mähren, durch seine Aufnahme in die NSDAP wie die SS und schließlich durch seine Heirat entsprechend den SS-Regularien, der dann vier Kinder entsprangen, hatte sich Gerhard Gerlich 1940 sehr gute Voraussetzungen für eine Karriere im Schulwesen des besetzen Tschechien geschaffen.“

Der Satz „(…) durch seine Heirat entsprechend den SS-Regularien, der dann vier Kinder entsprangen (…)“ erfordert einen Kommentar und eine Richtigstellung. Meine Großeltern haben sich nach katholischem Ritus geheiratet, nicht nach „SS-Regularien“, also ist dort gerade keine „Eheweihe“ vorgenommen worden. Die Erdmann`sche Darstellung ist also sachlich falsch. Als SS-Mann bzw. Mitglied einer Organisation hatte Dr. Gerlich 1940 die Verpflichtung (den Regeln entsprechend), beim Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS in Berlin um eine Heiratsgenehmigung anzusuchen. Nur dieses Verlobungs- und Heiratsgesuch von Dr. Gerlich aus dem Jahr 1940 samt seiner Nachweise und die seiner Braut sowie die Schreiben und Vermerke des Amtes bilden den Aktenbestand zu Prof. Dr. Gerhard Gerlich (Barch, RS, Gerlich, Gerhard, Prof. Dr., 09.09.1911), der als sog. „SS-Akte“ Erdmanns Arbeit durchzieht. Meinen Vater und meine Tanten darüber hinaus als Produkte eines „systemkonformen Verhaltens“ und mögliche Steigbügelhalter für einen „beruflichen Aufstieg“ zu beschreiben ist eine mehr als merkwürdige wissenschaftliche Wertung.

Beispiel 11
Seite 38: „(…) wuchs offenkundig seine Distanz zum NS-Regime. Dies mochte auf eine allgemein kritisierte Dominanz oder das zuweilen arrogante Auftreten von Reichsdeutschen im Sudetenland wie auch im Protektorat Böhmen und Mähren zurückzuführen sein, aber sicher auch auf seine berufliche Kaltstellung.“

Erdmann erklärt hier und im folgenden Abschnitt die wachsende Distanz Dr. Gerlichs zum NS-Regime durch persönliche Verbitterung und als Reaktion auf berufliche Nachteile durch reichsdeutsche Konkurrenten. Er weist jedoch nirgendwo nach, dass z. B. tatsächlich in reichsdeutscher Kollege von Dr. Gerlichs Versetzung im März 1941 profitiert hat. Der spätere (reichsdeutsche) Denunziant, der im April 1942 (also ein Jahr später) ein Parteigerichtsverfahren gegen Dr. Gerlich ins Rollen brachte, war ein ehemaliger Schüler und Hitlerjunge, der durchs Abitur gefallen war, kein beruflicher Konkurrent oder Vorgesetzter. Erdmann gelingt es daher nicht, die Benachteiligung durch Reichsdeutsche nachzuweisen, die er als Grund für die wachsende Distanz Dr. Gerlichs zum NS-Regime darstellt. Das unbeirrte Festhalten Dr. Gerlichs am katholischen Glauben dagegen wird von Erdmann zwar erwähnt, aber nirgends als Ursache für seine wachsenden Schwierigkeiten mit dem NS-Regime auch nur in Betracht gezogen, obwohl es eine Binsenweisheit ist, dass Menschen aufgrund ihrer christlichen Grundsätze in Widerspruch zum NS-Regime gerieten – bis zum Tod im KZ. Dieser Mangel in der Analyse und Diskussion der Zusammenhänge zeigt eine bedenkliche Verengung von Erdmanns Blick auf die damaligen Geschehnisse.

Beispiel 12
Seite 36: „(…) So kann nicht als gesichert gelten, dass es sich an der 1. Kammer des Gaugerichts Sudetenland der NSDAP am 8.1.1941 bei einem der beteiligten Beisitzer mit „Pg. Dr. Gerlich“ tatsächlich um Gerard Gerlich gehandelt hat,…“

Dr. Gerlich hatte 1941 seinen 1. Wohnsitz in Prag, also im Protektorat, und nicht im Sudetengau, der zum Deutschen Reich gehörte. Er konnte daher nicht am Gaugericht Sudetenland Beisitzer sein. Hier zeigen sich bei Erdmann mangelhafte Kenntnisse der Verhältnisse in den böhmischen Ländern.

Beispiel 13
Seite 40: Erdmann beschäftigt sich hier mit dem NSDAP-Ausschluss von 1942/43 nach Dr. Gerlichs Selbstzeugnis: „lm April 1942 Einleitung eines Parteigerichtsverfahrens, auf Ausschluss aus der Partei als weltanschaulich ungeeignet wegen gesellschaftlichen Verkehrs mit jüdisch Versippten‘.

Wenn diese Vorwürfe der Wahrheit entsprachen, wäre damit ein fundamentaler Ungehorsam Dr. Gerlichs gegen die NS-Ideologie dokumentiert. Die Aufhebung seiner UK-Stellung und die Einziehung zum Kriegsdienst 1943 könnte als eine weitere Bestrafung durch das NS-Regime gewertet werden. Ob das Parteiverfahren stattgefunden hat, das laut Dr. Gerlich – Dritten gegenüber – nach Denunziation durch einen ehemaligen (reichsdeutschen) Schüler eingeleitet worden war, wird von Erdmann nicht näher untersucht. Erdmann begnügt sich, die Bedeutung des Parteigerichtsverfahrens mit dem summarischen Verweis auf „derartige Konstellationen während der NS-Herrschaft in der ehemaligen Tschechischen Republik“ zu relativieren, indem er Monika Glettler wörtlich zitiert. Sie schreibt im Vorwort zu ihrem Buch: „Zusammen mit den persönlichen Interessen ortsansässiger politischer Eliten kam es bei der Durchsetzung des nationalsozialistischen Systems auch zu Zwistigkeiten und Konflikten zwischen ,einheimischen‘ und ,reichsdeutschen‘ Akteuren, was zuweilen fälschlich als eine Form von Opposition oder Widerstand dargestellt wird.“ (Glettler, S. 11).
“ Gestützt auf diese Einordnung wertet Erdmann dieses Verfahren eher als Folge einer persönlichen Intrige und nicht als Beweis für eine fundamentale Opposition gegen die NS-Ideologie.
Dagegen ist festzuhalten, dass Dr. Gerlich tatsächlich Umgang mit „jüdisch Versippten“ hatte. Zum Beispiel kehrte er 1938/39 auf Anregung seines jüdischstämmigen Doktorvaters Prof. Ehrenberg für weitere wissenschaftliche Arbeiten nach Prag zurück. Der im von Erdmann zitierten Brief Dr. Gerlichs an seine Frau vom 18.10.1947 erwähnte Dr. U. war vermutlich ein tschechischer Jude, engagiert beim Sokol, der tschechischen Turnervereinigung. Dr. Gerlichs Buchhändler in Prag und seine Geschäftspartnerin waren „jüdisch Versippte“, von denen Dr. Gerlich nach dem Krieg – dann aus München – weiter seine Bücher bezog. Dr. Gerlich hat also genau den antisemitischen Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht mitgetragen. Unabhängig davon deutet schon die Tatsache, dass er durch Denunziation so angreifbar war, dass mit Erfolg ein Parteigerichtsverfahren eingeleitet werden konnte, darauf hin, dass er sich in Widerspruch zur NS-Ideologie befand.
Wenn Erdmann dies alles einfach abtut, indem er auf ein pauschales Zitat verweist, das von jemand anders ohne Bezug zum konkret behandelten Einzelfall Dr. Gerlich verfasst wurde, offenbart dies eine höchst problematische Vorgehensweise, die Ansprüchen wissenschaftlicher Redlichkeit nicht genügt.

Beispiel 14
S. 35ff: „NSDAP-Ausschluss 1942?“

Beginnend mit dem Fragezeichen in der Überschrift des Abschnitts „NSDAP-Ausschluss 1942?“ stellt Erdmann die Quellenlage, was das Parteigerichtsverfahren betrifft, als unsicher dar. Auf S. 39 führt er jedoch den Brief Dr. Gerlichs vom 18.10.1947 an, in dem dieser seine Frau nach Unterlagen für den Antrag auf Entnazifizierung fragt, einer „Bescheinigung über mein Parteigerichtsverfahren , wegen Verkehr mit jüdisch versippten Personen‘ (…).“ (Man beachte: Das Adjektiv „günstig“ steht da nicht.)
Wieso sollte er seine Frau nach einer Bescheinigung über ein Gerichtsverfahren fragen, wenn es nie eines gegeben hat? Um sich für die Nachwelt 50 Jahre später vorsorglich eine entlastende Quelle zu schaffen? Die Existenz eines Gerichtsverfahrens kann als gesichert gelten, wenn man die Quelle erschließt, die das Material des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs über Dr. Walter Gerlich bietet. In seiner „Beurteilung des Studienrats Walter Gerlich“ vom 15.4.1947 (Entnazifizierungsakte Dr. Walter Gerlich, LASH Abt. 460.21 Nr. 177) erwähnt Dr. V. B. ein SS-Ehrengerichtsverfahren gegen Dr. Gerhard Gerlich: „(…) Bei unseren Gesprächen äussert Herr Dr. [Walter] Gerlich wiederholt die Befürchtung, dass er im Falle einer für das nat. soz. Regime günstigen Beendigung des Krieges, gemassregelt werden, bzw. überhaupt seine Stellung verlieren könnte, wie es auch seinem Bruder geschah, welcher infolge seiner kirchlichen Trauung und seines Verkehrs mit einem nicht rein arischen Kollegen vor ein SS Ehrengericht kam und von der Leitung der Schule bzw. seiner Stellung als Mitglied der Schulaufsichtsbehörde suspendiert und strafweise – trotz minderem Tauglichkeitsgrad – zum Wehrdienst eingezogen worden war. (…)“ (Ergänzung des Vornamens Walter und Hervorhebung von mir).
Erdmann versäumt es, zusätzlich zur Personalakte auch die Entnazifizierungsakte von Dr. Walter Gerlich aus dem Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv als Quelle zu erschließen. Die lückenhafte Quellenerschließung, die hier zu erkennen ist, zeigt einen gravierenden methodischen Mangel der Erdmann`schen Arbeit.

Beispiel 15
Seite 45ff: „Persilschein“

Erdmann verwendet den Begriff „Persilschein“ im Folgenden wiederholt und diskreditiert damit pauschal und unreflektiert jedes Leumundszeugnis der damaligen Zeit, das in einem Entnazifizierungsverfahren beigebracht worden ist. Eine solche Wortwahl ist mit der Haltung eines neutralen Gutachters nicht verträglich.
Man stelle sich einmal die umgekehrte Frage: Angenommen, der Vertriebene war tatsächlich unschuldiger Mitläufer, wie sollte er dann seine Unschuld beweisen? Durch Beibringen von nichtexistierenden Akten über nichtbegangene Verbrechen? Logischerweise konnten doch nur Bekannte aus Prag über die Gesinnung Dr. Gerlichs Zeugnis ablegen. Unbekannte konnte er wohl kaum fragen, und neue Bekannte aus Neumünster konnten nichts über seine Zeit in Prag aussagen, wenn sie ihm erst nach dieser Zeit zum ersten Mal begegnet waren. Solange also keine anderen Quellen den Inhalten dieser Leumundszeugnisse widersprechen, sind diese Inhalte grundsätzlich zu akzeptieren, auch wenn natürlich eine Kritik der Intentionen der Verfasser notwendig ist (z. B. ob die Ehrenerklärung in dem konkreten Fall wider besseres Wissen als „Freundesdienst“ abgegeben wurde). Dabei ist aber auch zu bedenken, dass es sich um Aussagen in einem juristischen Verfahren handelt. Falsche Angaben waren grundsätzlich strafbar. Auch hier ist wieder der Einzelfall in den Blick zu nehmen, anstatt eine von bestimmten Autoren in der Literatur vertretene Meinung als pauschale Bewertung zu verwenden. In der oberflächlichen Darstellung dieser Thematik zeigen sich erneut methodische Schwächen der Erdmann`schen Arbeit.

Beispiel 16
Seite 48: „Als Leumundszeuge kam V.B. aber offensichtlich für G. Gerlich deswegen nicht in Frage, weil er ihn bereits in der Akte seines SS-Heiratsgesuchs von 1940 als Bürge der Braut (…) angegeben hatte. In Kombination mit der Falschauskunft von Walter Gerlich zu einer SS-Mitgliedschaft seines Bruders ergibt sich so das Bild eines Netzwerks dieser Heimatvertriebenen, sich mit diesem Vorgehen bewusst außerhalb allgemeingültiger Regeln zustellen.“

Der erste Satz enthält eine Spekulation Erdmanns, die in völligem Widerspruch zu dem steht, was man den Briefen Dr. Gerlichs entnehmen kann. Am 18.11.1947 schreibt er an seine Frau in der SBZ: „Wegen der Entnazifizierung habe ich schon von B. (= V.B.) eine Bestätigung, (…). Meine Sache ist vom Entnazifizierungsausschuss schon [von Gerlich unterstrichen] weiter an den Engländer gegangen (…).“
Also kam Dr. V. B. sehr wohl für ihn als Leumundszeuge in Frage. Er hatte aber seinen Antrag ohne ein einziges Leumundszeugnis eingereicht. Sein Entnazifizierungsverfahren wurde bereits am 7.11.1947 abgeschlossen, ohne dass er jemals einen einzigen Leumundszeugen beibringen musste.
Im zweiten Satz erhebt Erdmann den Vorwurf eines „Netzwerks“ dieser drei Heimatvertriebenen mit wechselseitig ausgestellten „Persilscheinen“ zum Zwecke, sich „außerhalb allgemein gültiger Regeln zu stellen“. Ein Blick in die Entnazifizierungsakte von Dr. Walter Gerlich  (LASH Abt. 460.21 Nr. 177) widerlegt diese oberflächliche Einschätzung. Außer dem Zeugnis von Dr. V.B. finden sich dort nämlich nicht weniger als 10 Leumundszeugnisse weiterer Personen zwecks Beweisführung (u. a. ehem. Kollegen, Schüler, Pfarrer).

Beispiel 17
Seite 49: „Den letzteren (d. i. seinen jüdischen Doktorvater Ehrenberg) hatte Gerlich höchstwahrscheinlich auch später in Unkenntnis über seine Mitgliedschaft in der Allgemeinen SS ab 1938 gelassen und konnte so die anhaltend freundschaftlichen Beziehungen zur Familie Ehrenberg bis zum Ende der fünfziger Jahre pflegen.“

Dies ist („höchstwahrscheinlich“) eine Spekulation Erdmanns. Sie unterstellt dem nach England geflohenen Prof. Ehrenberg außerdem eine große Naivität. Angenommen, Dr. Gerlich wäre 1938 ein inhaltlich überzeugter Nazi gewesen – immerhin war er schon seit dem 17. 5. 1935, also mehr als einen Monat vor seiner Doktorprüfung, in der Tschechoslowakei als tschechischer, deutschstämmiger Staatsbürger in einer deutschen Partei, der SHF -, dann hätte er in seiner antisemitischen Nazi-Grundhaltung den Kontakt zu Ehrenberg natürlich abbrechen müssen! Dieser fällt dann aber nach dem Krieg auf die Beteuerungen seines ehemaligen Doktoranden herein, nie Antisemit gewesen zu sein und setzt den freundschaftlichen Kontakt mit seinem Schüler 1947 fort: „(…) kam heute von Prof. Ehrenberg ein sehr netter und lieber Brief (…)“ [26.11.1947, Gerlich an seine Frau] als Antwort auf Gerlichs Brief vom 5.11.1947. Dieses Szenario erscheint doch sehr unwahrscheinlich, vor allem, weil man als überzeugter Nazi und SS-Mann sicher auf gar keinen Fall freundschaftliche Beziehungen zu irgendeiner jüdischen Familie unterhalten hätte.

Beispiel 18
Seite 51: „In seinem Entnazifizierungs-Fragebogen hatte G. Gerlich 1947 die Fragen 113 und 114 nach einer beruflichen Benachteiligung wegen politischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten mit ja beantwortet und diese Konstruktion zu begründen versucht.“

Erdmann schenkt den Ausführungen Dr. Gerlichs hier wieder unreflektiert keinen Glauben (man vergleiche dazu auch die Ausführungen oben zu S. 35ff). Dabei berichtet er die Tatsache, dass ein Parteigerichtsverfahren stattgefunden hat, am Beginn des Abschnitts 2f, als wenn es sich um eine gesicherte Tatsache handelt (vgl. E., S. 40). Hier stellt er nur die Konsequenz, den Parteiausschluss, durch das Adjektiv „anzunehmend“ als fragwürdig hin. Da er die Stichhaltigkeit der Vorwürfe aus dem Verfahren nirgends näher untersucht, stellt sich Erdmanns Arbeit hier als lückenhaft dar.

Beispiel 19
Seite 51: „Der Grad der Unterwerfung Gerlichs unter die menschenverachtende Ideologie und die strikten Regularien des Eliteordens SS ist in dem Kapitel ,SS-Heiratsbefehl und Verfahren‘ dokumentiert worden (…)“

Erdmann deutet den fristgerechten Antrag auf Heiratserlaubnis als hinreichenden Beweis für die „Unterwerfung“ Dr. Gerlichs unter die SS-Ideologie. Dabei handelt es sich bei diesem Antrag lediglich um eine bloße Formalität, die einer Mitgliedschaft geschuldet ist. Die Erfüllung einer bloßen Formalität lässt nicht auf innere Überzeugungen schließen. Erdmanns Schlüsse sind hier mindestens fragwürdig, wenn nicht rein spekulativ und keineswegs zwingend.

Beispiel 20
Seite 54: „lm Unterschied zu den meisten seiner Zeitgenossen konnte Gerlich mit seinem Verschweigen (d. i. der SS-Mitgliedschaft) allerdings die Basis für eine eindrucksvolle Karriere in seiner Partei, in Vertriebenenverbänden, im Kieler Landtag und als Parlamentarischer Vertreter des Kultusministers auch in der Landesregierung von Schleswig-Holstein legen.“

Erdmann ortet im Verschweigen der SS-Mitgliedschaft im Entnazifizierungsverfahren die Grundlage für die spätere politische Karriere Dr. Gerlichs. Abgesehen davon, dass wohl eher seine Fähigkeiten und seine Leistungen als Abgeordneter dafür ausschlaggebend waren, dass er den Wahlkreis Plön viermal als Direktkandidat gewinnen konnte, zeigt eine kurze Überlegung, dass das Verschweigen keine nennenswerten Erleichterungen für seine berufliche Karriere gebracht haben kann.
Man kann an dem Entnazifizierungsverfahren von Dr. Walter Gerlich (Akte LA SH, a.a.O.) beispielhaft erkennen, was geschehen wäre, wenn Dr. Gerhard Gerlich seine SS-Mitgliedschaft angegeben hätte:
Dr. Walter Gerlich, seit Mai 1945 in Neumünster, gab in seinem Fragebogen mit Datum vom 8.11.1945 seine Mitgliedschaft in der Allgemeinen SS an, er wird als Lehrer („minor position“) überwacht und muss einen weiteren Fragebogen am 13.12.1946, Doppel: 15.12.1946 beantworten. Am 28.2.1947 erhält er wegen 3 Mitgliedschaften (1. Allgemeine SS, 2. HJ, 3. NSLB) Berufsverbot. Er beantragt eine Wiederaufnahme des Verfahrens am 15.3.47 („appeal“), bringt Leumundszeugnisse bei, erhält am 15.9.47 „appeal rejected“, wird am 8.10.47 in Kategorie IV eingestuft (keine „Vermögenssperre“, aber auch keine sofortige Verbeamtung). Dieser „Einreihungsbescheid (Nach Berufung)“ wird am 11.3.48 bestätigt. Zustellungsurkunde: 26.4.48. Am 1.10.48 beantragt Dr. Walter Gerlich eine Wiederaufnahme des Verfahrens, dem Antrag wird stattgegeben, die öffentliche Verhandlung findet am 17.2.1949 statt, er wird in die Gruppe V („entlastet“) eingestuft.
Seit dem 17.2.1949 galt gemäß alliiertem Kontrollratsbeschluss die Mitgliedschaft in der Allgemeinen SS nicht mehr als Grund für ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst. Wenn Dr. Gerhard Gerlich seine SS-Mitgliedschaft damals also angegeben hätte, wäre er sogar ohne Leumundszeugnisse (die er genauso wie sein Bruder sicher in ausreichender Zahl beigebracht hätte) spätestens im März 1949 in Gruppe V eingestuft worden. Da er erst 1951 seine erste feste Anstellung fand, hat ihm seine frühe Entnazifizierung 1947 also für seine Karriere nichts genutzt. Dr. Walter Gerlich wurde verbeamtet und war später Abgeordneter des Deutschen Bundestags. Die Tatsache, dass er in seinem Entnazifizierungsverfahren seine SS-Mitgliedschaft angegeben hat, scheint ihm später also weder politisch noch beruflich geschadet zu haben. Daher kann man bei Dr. Gerhard Gerlich ebenso davon ausgehen, zumal er aus seiner NSDAP-Mitgliedschaft nie ein Geheimnis gemacht hat. Erdmanns Darstellung ist hier nicht plausibel.

II. Zusammenfassung

Wie im Vorangegangenen an einzelnen Textstellen nachgewiesen, enthält die Erdmann`sche Arbeit diverse Spekulationen und fragwürdige Wertungen, insbesondere dann, wenn es um Gesinnung und Motivation Dr. Gerhard Gerlichs geht. Erdmann extrahiert stets Haltungen, die als Unterwerfung unter die NS-Ideologie interpretiert werden können. Indizien und Tatsachen, die dieser Unterwerfung widersprechen, schenkt Erdmann systematisch keinen Glauben, oder er bemüht sich, ihre Relevanz zu relativieren (z.T. unter Einsatz methodisch fragwürdiger Mittel). Diese Vorgehensweise lässt den Schluss zu, dass Erdmann unter einer Prämisse arbeitet, die er nirgends explizit offenlegt, nämlich:

„Jeder, der freiwillig in die Allgemeine SS eingetreten ist, muss ein inhaltlich überzeugter Nazi gewesen sein.“

Liest man die Erdmann`schen Ausführungen unter dieser Prämisse, werden alle seine Wertungen und Spekulationen nachvollziehbar. Eine solche systematische Voreingenommenheit, die auf ein Beurteilen historischer Ereignisse nicht nur aus der Sicht besserwissender Nachgeborener sondern auch aus der Sicht ideologiebehafteter Historiker hinausläuft, ohne die spezielle Geschichte der böhmischen Länder zu berücksichtigen, ist ein schwerwiegender methodischer Mangel und verletzt in eklatanter Weise wissenschaftliche Standards historischer Untersuchungen. Von einem „wissenschaftlichen“ oder „neutralen“ Gutachten (E., S. 3) kann hier keine Rede sein.

Natürlich ist die o. g. Prämisse nicht haltbar. Sie steht nicht zuletzt im Widerspruch zum Forschungsstand.

Auf weitere Schwächen, wie sachliche Fehler in der Darstellung (auch bei Zahlen aller Art) und die verwirrende Gestaltung der Kapitel über die Zeit in Aussig, die Jahre 1938/39 und die „Rückkehr nach Prag“, die ein chronologisches Verfolgen der Ereignisse fast unmöglich machen, möchte ich nicht weiter eingehen, nur kurz anmerken, dass die Aufbereitung der RuSHA-Akte weit von einer übersichtlichen Darstellung entfernt ist. Ich möchte lediglich darauf bestehen, dass meine Tante Gerburg Trommsdorff-Gerlich entgegen der Erdmann`schen Darstellung auf Seite 42 laut meinen Informationen nach wie vor lebt und auf keinen Fall nach der Flucht gestorben ist. Gestorben ist meine Tante Gerlinde einen Tag vor ihrem ersten Geburtstag am 9.9.1945 in Leipzig.

III. Zusammenfassende Darstellung der Fakten zu den Lebensstationen Dr. Gerhard Gerlichs und alternative Interpretation

a) Fakten (soweit bekannt)

  • Geboren am 9.9.1911 in Troppau/Österr. Schlesien, Bürger der Doppelmonarchie Ös-
  • terreich-Ungarn
  • Nach Gründung der Tschechoslowakei 1918 tschechoslowakischer Staatsbürger
  • Abitur 1930, Studium 1930-1935 mit Promotion 1935 an der Deutschen Universität in Prag
  • Mitgliedschaft in katholischer Burschenschaft und Marianischer Kongregation für Akademiker an der Universität
  • SHF-Mitgliedschaft seit 17.5.1935 (Mitgliedsnr. 320777)
  • Promotion (Alte Geschichte) bei jüdischem Doktorvater Prof. Dr. Viktor Ehrenberg am 22. 6.1935, nach dem Krieg bis in die 60er Jahre freundschaftlicher Kontakt der Fa-
  • milien (bis zum Tode der Beteiligten)
  • Beginn des Schuldienstes November 1935 in Prag, dann Bergreichenstein, Kaaden, Prag, Aussig (nach Münchener Abkommen 29.9.1938), dann wieder Prag bis 1943
  • SdP-Mitgliedschaft seit 25.4.1938 (Mitgliedsnr. 1092095)
  • Automatische Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft am 20.10.1938, da zu dieser Zeit Wohnsitz und Dienstort Aussig (6.10.1938-1.2.1939)
  • NSDAP-Mitglied seit 1.11.1938 (Mitgliedsnr. 6710015)
  • Mitglied in der Allgemeinen SS seit 1.11.1938, Vereidigung am 9.11.1938,
  • SS-Einheit 9/103 (3 = Aussig)
  • Mitglied im NSLB seit 1.1.1939-22.2.1943 (Mitgliedsnr. 402930)
  • Keine Teilnahme an Aktionen/Verbrechen der Partei/der SS im Sudetenland bekannt
  • Rückberufung nach Prag und Anstellungsprüfung am 1.2.1939
  • „Säuberung des höheren Schulwesens von untragbaren Elementen“
  • SS-Dienstgrad 1940: SS-Mann (unterster Dienstgrad), bei SS-Einheit 3/108 (8 = Prag)
  • „für den Parteidienst beurlaubt“
  • Prov. Leiter am Deutschen Realgymnasium in Prag ll („Stephansgymnasium“)
  • In der Kreisverwaltung des NSLB-Prag Hauptstellenleiter für Organisation und Fachschaftsleiter für höhere Schulen
  • Mitarbeit in der Aufbauarbeit der NSDAP-Prag als Ortsgruppenschulungsleiter in Prag-Neustadt Süd
  • Offizielles Abschlussfoto des Abiturjahrgangs 1940 am von Dr. Gerlich geleiteten Stephansgymnasium zeigt jüdische und deutsche Schülerinnen und Schüler gleichberechtigt nebeneinander (im Privatbesitz)
  • Fristgerechter Antrag auf vorläufige Heiratsgenehmigung beim RuSHA: 29.3.1940
  • „Vorläufige“ Heiratsgenehmigung / „Freigabe“ für Heirat mit einer Halbtschechin und unmündigen Vollwaisen am 9.4.1940 bzw. „Abschluss“ am 18.4.1940
  • Kirchliche Trauung am 27.4.1940 in der St.-Franziskus-Kirche, Prag l
  • Keine Beförderung zum reg. Schulleiter
  • Alle 4 Kinder getauft, zweisprachig erzogen, tschechischer Kinderarzt und –pflegerin (1941-1945)
  • Versetzung zum Landesschulrat für Böhmen als pädag. Referent: 1.3.1941-30.9.1941
  • Rückversetzung als einfacher Lehrer ans Stephansgymnasium: 1.10.1941-22.2.1943
  • Einleitung eines Ausschlussverfahrens vor SS-Ehrengericht oder Parteigericht im April 1942
  • Aufhebung der UK-Stellung, Einziehung zur Wehrmacht 1943
  • Binnen zwei Jahren Beförderung bis zum Leutnant d. Res., in dieser Zeit keine Beteiligung seiner Verbände (2. PzDiv. bzw. deren Ausbildungstruppenteile) an Kriegsverbrechen bekannt
  • Sowjetische Kriegsgefangenschaft: 10.5.1945-10.10.1947, Führung einer Baubrigade Vorzeitige Entlassung aus sow. Kriegsgefangenschaft als „bester Arbeiter und Antifaschist“
  • lm Fragebogen für Entnazifizierungsverfahren NSDAP-Mitgliedschaft angegeben
  • lm Fragebogen für Entnazifizierungsverfahren SS-Mitgliedschaft verneint

Obige Liste enthält sachliche Ergänzungen und biografische Daten, die über die von Erdmann erschlossenen hinausgehen. Sie sind Teil der Nachforschungen meiner Tante Gerhild Gerlich. Ich verzichte an dieser Stelle auf eine entsprechende Dokumentation.

b) Folgerungen und Interpretationen

Zunächst stellt sich die Frage:

1. War Dr. Gerhard Gerlich an NS-Verbrechen oder Kriegsverbrechen beteiligt?

Einerseits findet sich in seinem Lebenslauf vom 29.3.1940 für das RUSHA der Satz: „Säuberung des höheren Schulwesens von untragbaren Elementen“. Der Satz wird von Erdmann nicht untersucht und mit einem Literaturzitat beantwortet. Wenn man an die Sprache der Zeit denkt, die von politischer Korrektheit noch nichts wusste, und an pädagogische „Maßnahmen“ der Zeit, müssen die „Elemente“ nicht – wie Erdmann folgert – Juden sein, es können auch „aufs Gymnasium nicht passende Schüler“ sein, ein roher Ausdruck, der sich noch in den 50er/60er Jahre hielt, und ein interpretierbarer, der sich für eine „Bewerbung“ gut eignete.

Andererseits haben wir:

  • die vorzeitige Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, keine Verurteilung zu zusätzlicher Lagerhaft o. ä.;
  • keinerlei Quellen, die eine persönliche Teilnahme an Parteiaktionen o. ä. belegen.

Prag stand nach dem Krieg unter sowjetischer Besatzung. Die Russen hatten also Zugang zu den (Resten der) dortigen Akten und Kontakt zu etw. Betroffenen. Wenn sich Dr. Gerlich in Prag als Verfolger von Juden und/oder von Kommunisten oder in der Gauleitung bei ent- sprechenden Verbrechen in exponierter Stellung hervorgetan hätte, ist es höchstwahrscheinlich, dass ihn diese Vergangenheit im Lager eingeholt hätte, wie bei anderen Kriegsgefangenen geschehen, die damals von den Russen zu zusätzlicher Lagerhaft verurteilt wurden. Außerdem war er unter seinem richtigen Namen in Gefangenschaft geraten und seine Herkunft daher den sow. Behörden bekannt. Als Offizier hatte er ebenfalls keine Chance, sich in der Masse der Gefangenen zu verstecken. Es ist somit davon auszugehen, dass Dr. Gerlich nicht an Verbrechen beteiligt war, weil er andernfalls bereits durch die Russen dafür bestraft worden wäre, anstatt- im Gegenteil! – vorzeitig entlassen zu werden.

Unabhängig davon müssen wir uns den folgenden drei Fragen stellen:

  • War er ein Nazi?
  • Warum trat er in die Allgemeine SS ein?
  • Warum verschwieg er seine SS-Mitgliedschaft im Entnazifizierungsverfahren?

2. War er ein Nazi?

Erdmann bejaht dies, indem er immer wieder eine Unterwerfung unter die NS-Ideologie und SS-Regularien betont. Unter anderem finden sich:

  • NSDAP-Mitgliedschaft, Tätigkeit als Ortsgruppenschulungsleiter
  • SS-Mitgliedschaft, bei einem offensichtlich verkürzten Aufnahmeverfahren (deutscher Staatsbürger ab 20.10.1938, Vereidigung bereits am 9.11.1938) und Eid
  • Fristgerechter Antrag auf vorläufige Heiratsgenehmigung inkl. aller Formalitäten

Andererseits ist zu bedenken:

  • Dr. Gerlich machte eine Karriere im Schuldienst (prov. Schulleiter), eine Karriere in der Wehrmacht (Leutnant d. Res. binnen 2 Jahren), eine Karriere im Gefangenenlager (Führung einer Baubrigade), eine Karriere in der Politik in Schleswig-Holstein (obwohl Vertriebener und katholisch) – einzig und allein in der Allgemeinen SS und NSDAP hat er keine Karriere gemacht (nach 2 Jahren war er immer noch SS-Mann).
  • Er war Mitglied in der Allgemeinen SS, nicht in der Waffen-SS oder den Totenkopf-Verbänden. lm Gegensatz zu Erdmanns Darstellung, die vornehmlich auf Höhne basiert, findet sich in der neuen Literatur ein differenzierteres Bild.
  • Seine Treue zur katholischen Kirche, seine christliche Grundhaltung mit kirchlicher Trauung und Taufe der Kinder. (Ein Rosenkranz und ein Gebetbuch als persönlicher Besitz in der Gefangenschaft passen schlecht zu einem überzeugten Nazi.)
  • Ein Parteigerichtsverfahren bzw. ein SS-Ehrengerichtsverfahren (Zeugnis unter LASH Abt. 46021 Nr. 177)

3. Warum trat er der Allgemeinen SS bei?

Um sich als Lehrer das berufliche Dasein zu erhalten, war die Mitgliedschaft in NSLB und NSDAP eine Notwendigkeit, es war aber nicht notwendig, in die SS einzutreten. Es ist ebenso offensichtlich, dass die Eide und Überzeugungen auch der Allgemeinen SS im Widerspruch zu seiner christlich-katholischen Grundüberzeugung standen. Wieso er dieser Organisation beigetreten ist, bleibt auch mir deshalb im Grunde unerklärlich. Nach Erzählungen meiner Tante, war mein Großvater „grundsätzlich“ in „jedem“ Verein. Schon als Schüler in Troppau war er Ministrant und im Kirchenchor, in Prag war er in der Marianischen Kongregation, bei den Pfadfindern und beim Roten Kreuz. Dann läge eine SS-Mitgliedschaft ohne innere Überzeugung vor, die nur auf das Knüpfen von Verbindungen zur Förderung der Karriere aus war. Dies würde immerhin zur Charakterisierung der Allgemeinen SS durch Kogon passen. Er könnte sich auch über den Geist der Organisation getäuscht haben, als er ihr als frisch ernannter reichsdeutscher Staatsbürger in Aussig 1938 beitrat. In diesem Falle wäre ihm mindestens eine falsche Einschätzung des Charakters dieser Organisation vorzuwerfen, und es stellt sich die Frage, warum er nicht wie sein Bruder nach zwei Jahren ausgetreten ist. Erdmann vertritt die Meinung, dass eine nationalsozialistische Überzeugung bzw. eine „Unterwerfung“ unter die Nazi-Ideologie der Grund gewesen ist. Erdmanns Versuche, dies nachzuweisen, sind, wie bereits dargelegt, nicht überzeugend und methodisch höchst fragwürdig. Außerdem sprechen mehrere lndizien gegen eine solche Grundhaltung (vgl. meine Ausführungen zur 2. Frage). Mein Vater hat mir erzählt, dass mein Großvater seine Anmeldung für eine freiwillig längere Dienstzeit bei der Bundeswehr nicht unterschreiben wollte (mein Vater war zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig). Mein Großvater soll damals wörtlich gesagt haben: „Dazu meldet man sich nicht freiwillig.“ Diese Haltung passt meiner Meinung nach nicht zu jemandem, der eine Mitgliedschaft in der SS attraktiv findet. Allerdings ist diese Haltung NACH NS-Herrschaft, Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung geäußert worden. Es wäre also auch ein Wandel in der Haltung meines Großvaters möglich, bedingt durch diese schrecklichen Ereignisse. Diverse andere Gründe sind denkbar, leider sind alle Antworten auf diese wichtige Frage letztlich Spekulationen.

4. Warum verschwieg er seine SS-Mitgliedschaft im Entnazifizierungsverfahren?

Ich glaube, er wollte Komplikationen und Verzögerungen bei der Entnazifizierung angesichts der Schwierigkeiten seines Bruders vermeiden. Hier liegt Erdmann m. E. durchaus richtig. Aber nicht, um eigene Verbrechen und die eigene Vergangenheit zu verschleiern (da durfte er ein reines Gewissen haben) oder den Grundstein für die eigene Karriere zu legen (wie oben dargelegt, ist die Auswirkung der schnellen Entnazifizierung auf seine Karriere vernachlässigbar), sondern um seine Familie möglichst schnell aus der sowjetischen Besatzungszone und nach Neumünster holen zu können! Die Sowjetunion und ihr System hatte er während seiner Kriegsgefangenschaft gerade hautnah erlebt und nach übereinstimmenden Aussagen vieler Bekannter und Wegbegleiter meines Großvaters ist er nach Krieg und Gefangenschaft in die Politik gegangen, weil er verhindern wollte, dass das sowjetische System auch noch auf den Westen Deutschlands ausgedehnt wurde. Seine Einstellung zum Kommunismus wie zum SBZ-System hat er mehrfach in seinen Briefen an seine Frau in der SBZ 1947/48 (trotz Zensur) in deutliche Worte gekleidet. Unterzieht man all seine Briefe vom 18.10.1947-18.4.1948 einer exakten Analyse, lernt man seine Denkweise und Gesinnung kennen, und so scheint mir der Grund für sein Handeln in dem einzigen Ziel gelegen zu haben, seine Mutter, seine Frau und seine drei Kinder aus der SBZ herauszuholen und die Familie unter dem Dach der britischen Militärregierung so schnell wie möglich zusammenzuführen. Erdmann hat diese Analyse unterlassen.

These: Wenn er seine SS-Mitgliedschaft nicht verschwiegen hätte, wäre er ebenfalls in Gruppe V („entlastet“) eingestuft worden, nur später, und diese Einstufung ist auch im Nachhinein gerechtfertigt. Denn: Welche konkreten Handlungen kann man ihm zur Last legen? Vor und nach seinem Beitritt zur SS ist keine einzige konkrete Handlung belegt, die eine Verstrickung Dr. Gerlichs in die Verbrechen des NS-Regimes zeigt. lm Gegenteil gibt es deutliche Indizien für Schwierigkeiten mit den braunen Machthabern, die sich aus seiner unbeirrbaren christlichen Grundüberzeugung ergaben und die mit der Zeit wuchsen und am Ende zu seinem Parteiausschluss führten. Spekulationen über Gesinnungen bleiben ohne Bezug zu belegbaren Handlungen nichts anderes als das: Spekulationen.

 IV. Schluss

Wir haben gezeigt, dass die Fakten auch eine gänzlich andere Interpretation der Haltung und Handlungen Dr. Gerhard Gerlichs bis 1947 zulassen, die durchaus mit seinem späteren Tun in Einklang stehen. Erdmanns Bewertungen sind wegen sachlicher Fehler und nicht zuletzt wegen deutlicher methodischer und handwerklicher Schwächen in keiner Weise zwingend. Dr. Gerlich ist seit über fünfzig Jahren tot und kann sich gegen Anschuldigungen und Spekulationen über seine Gesinnung nicht mehr zur Wehr setzen. Seine Verdienste um Trappenkamp und das Land Schleswig-Holstein sind unstrittig. Inwiefern die dargelegten Fakten eine Neubewertung seiner Person erforderlich machen, mag jeder Leser selber entscheiden.

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